Das Esma, das Scheich Alaeddin in Bagdad lehrte
Inhaltsverzeichnis
Esma heisst “Namen”. Im Sufitum bezeichnet das Wort auch den Dhikr, der mit den Namen Gottes verrichtet wird. Diese Seite überliefert einen solchen Text. Er ist in einem Buch mit dem Titel Makalat-i Seyyid Harun aufgezeichnet.
Wer war Seyyid Harun Veli?
Was man über ihn weiss, ist wenig. Er lebte in Chorasan und wird dort als gerechter Herrscher erinnert. Das Buch nennt ihn “einen gerechten Emir im Land Chorasan”. Er hatte auch die religiösen Wissenschaften studiert. Das ist daran zu erkennen, dass er später in Seydişehir eine Medrese gründete und in einer Versammlung das Gebet leitete. Vor ihm war schon sein Onkel Emir gewesen.
Das Wort Seyyid vor seinem Namen ist ein Titel. Er gehört den Nachkommen Husains, des Enkels des Propheten. Nach dem Buch führt die Linie Seyyid Haruns väterlicherseits auf Musa al-Kazim zurück und mütterlicherseits auf Uwais al-Qarani. Seine Abstammung, sein Wissen und das Ansehen seiner Familie machten ihn zum Emir der Stadt, in der er lebte. Daher kommt auch die Anhänglichkeit, die die Menschen für ihn empfanden.
Das Buch, das seine Geschichte erzählt, wurde 1554 von Abdulkerim b. Scheich Musa geschrieben, einem Nachkommen von Seyyid Haruns Bruder. Das ist etwa zweihundertfünfzig Jahre nach den Ereignissen. Das Buch ist ein Menakibname, ein Werk, das das Leben und die Wunder eines Heiligen aufzeichnet. Historiker behandeln solche Bücher als Quellen, lesen sie aber mit Vorsicht, was Übertreibungen angeht.
Der Aufbruch
Nach dem Buch erreichte Seyyid Harun jedes Mal, wenn er die Gräber seiner Vorfahren besuchte, eine Stimme. Sie sagte: “O Harun, zieh hinaus nach Rum und baue eine Stadt an der Ostseite eines Berges namens Küpe Dağı in der Provinz Karaman.” Rum war damals der Name für Anatolien.
Er erzählte es seinen Gefährten und sagte, er werde das Emirat verlassen: “Ich brauche keine Herrschaft, geht und wählt euch einen anderen Herrn.” Die Leute um ihn weigerten sich. “Wir haben dir gedient, als du ein König dieser Welt warst, und nun bist du ein König der kommenden geworden; weise uns nicht ab”, sagten sie. Am Ende brach er mit vierzig Männern auf.
Forscher, die sich mit dem Thema befasst haben, bringen diese Wanderung mit dem Druck der Mongolen in Verbindung. Anatolien war in jenen Jahren noch ein Zufluchtsort.
Der Empfang in Bagdad
In jenen Jahren zog einmal im Jahr eine Karawane von Chorasan nach Bagdad. Die Karawane pflegte Scheich Alaeddin zu besuchen, der in Bagdad lebte. Scheich Alaeddin war ein Heiliger aus der Nachkommenschaft Ja’far as-Sadiqs. Seyyid Harun schloss sich dieser Karawane an. Die Leute darin wussten nicht, dass er vorhatte, weiter nach Anatolien zu ziehen.
Scheich Alaeddin empfing seine Besucher erst nach drei Tagen. Seyyid Harun aber traf er ausserhalb der Stadt, und er erwies ihm grosse Aufmerksamkeit. Die Leute um ihn wunderten sich. “Du bist ein Heiliger aus der Linie Ja’far as-Sadiqs; warum erweist du diesem Mann solche Aufmerksamkeit?”, sagten sie.
Der Scheich wurde über diese Worte sehr zornig. “Sprecht nicht so, das ist ein grosser Mensch”, sagte er. Dann nannte er ihnen seine Abstammung: väterlicherseits stammt er von Musa al-Kazim ab, mütterlicherseits von Uwais al-Qarani.
Dann nahm er ihn bei sich auf, und die beiden traten für vierzig Tage in die Chalwa ein. Chalwa ist der Rückzug aus der Welt zum Gottesdienst. Das Esma, um das es auf dieser Seite geht, wurde am Ende dieser vierzig Tage gelehrt.
Der Mantel, der Stab und das Esma
Das Buch beschreibt den Augenblick, in dem das Esma gegeben wurde:
Der Scheich entliess die Karawane aus Chorasan, und sie zog weiter. Mit Seyyid Harun aber trat er für vierzig Tage in die Chalwa ein, und sie gaben sich dem Flehen hin. Der Scheich tat ihm die Zustände des Weges der Meister kund. Er gab ihm den Mantel und den Stab und lehrte ihn die Namen.
Der Scheich entliess zuerst die Karawane, und sie brach auf. Seyyid Harun blieb. Vierzig Tage lang hielten die beiden in der Klause Münacat. Münacat ist das vertraute Flehen zu Gott. Danach erzählte ihm der Scheich von den Zuständen der Grossen dieses Weges.
Danach gab er ihm den Mantel und den Stab. Der Mantel ist das wollene Gewand, das ein Derwisch trägt. Der Stab ist der Stock eines Reisenden. Wenn ein Scheich diese Dinge übergibt, bedeutet das, dass er dem Menschen vor sich wirklich vertraut. Zuletzt lehrte er ihn das Esma.
Jeden Tag zu lesen
Als er das Esma gab, sagte Scheich Alaeddin:
Er sprach: O Sohn Haruns, geh nun und halte dich an das, was die Wahrheit dir befohlen hat. Doch dieses Esma sei dir jeden Tag dein Wird, und bleibe beharrlich darin. Mögen auch dein Zevk und dein Şevk wachsen, so Gott will.
Zwei Wörter sind hier wichtig. Ein Wird ist ein Dhikr, der regelmässig jeden Tag gelesen wird. Müdavemet heisst, fortzufahren, ohne abzulassen. Der Scheich bat ihn nicht, dieses Esma einmal zu lesen. Er bat ihn, es jeden Tag zu lesen und nie aufzugeben. Der letzte Satz ist ein Gebet: Zevk heisst, eine Wahrheit durch Kosten zu erkennen, und Şevk ist die Sehnsucht nach Gott.
Der Text des Esma
So wird es gelesen:
Fa’lem ennehû lâ ilahe illallah, fa’lem ennehu la ilahe illallah, fa’lem ennehu la ilahe illallah, bi-adedi ilmillahi ve bi-fazli rahmetillahi, Sübhanallahi ve’l-hamdü lillahi ve la ilahe illallahu vallahu ekber ve la-havle ve la-kuvvete illa billahi’l-aliyyi’l-azim. Sübhane’l-lezi la-yecûru ve hüve’l-meliku’l-cebbâru, Sübhane’l-mu’tî li-men yeşa’u, Sübhane’l-lezi leyse ke-mislihi şeyun. Sübhane men tüsebbihu lehu’l-hevamu fi-emâkinihâ, Sübhane men tüsebbihu lehu’l-en’âmu fi-sehâriha. Sübhane men tüsebbihu lehu’l-vuhuşu fi-revâsihâ. Sübhane’l-meliki’l-Cebbâr. Sübhanehu hüvallahu’l-Vâhidu’l-kahhâr. Sübhane mucîbi’s-sâ’ilin. Sübhane kâsimü’l-cebâbireti. Sübhane’l-kâdiri alâ külli şeyin. Sübhane’l-hallâkı’l-alim. Sübhane’l-fettâhı’l-azîm. Sübhane’l-cevâdi’l-kerim. Sübhane’r-reşâdi’l-hâdi, Allâmu’l-guyub. Sübhane’l-lezi halaka’s-semâvati fe-rafeahâ. Sübhane’l-lezi yutli’u’l-kevâkibe fe-ezheraha. Sübhane’l-lezi enşeeha fe-ersâha. Sübhane’l-Celili’l-Kerim. Sübhane âlimü’l-gaybi fela yuzhiru alâ gaybihi ehaden. Sübhane’l-hallâkı’l-alim. Sübhane’r-rezzâki’l-hakim. Sübhane’l-musavviri fi’l-erhami ma-yeşau, Sübhane’l-azîme’l-lezi leyse şeyün azeme minhu. Sübhane’l-kaviyyi’l-lezi leyse şeyün akva minhu. Sübhane’l-kadiri’l-lezi leyse şeyün akdera minhu. Sübhane’l-lezi bi-yedihi havassu’l-halkı. Sübhaneke seyyidi ma azamehu şa’nüke. Sübhaneke seyyidi ma a’lâ divâneke. Sübhaneke seyyidi ma akdereke alâ halkıke. Sübhaneke’l-erzâku tekeffele bi-lutfihi ve keremihi. Sübhane men yerzuku keyfe yeşau. Sübhanehü men yüridü ve la yüradü ve hüve manzaru’l-a’lâ. Sübhane men yesme’u hafakâni’t-tuyûri fi-emakinihâ. Sübhane men tüsebbihu lehu’t-tuyûri fi-efkârihâ. Sübhane men yüsebbihu lehu’l-halku ecmaine, erzeke’t-tuyûre ya erhame’r-rahimin. Sübhane’r-rezzâki’l-azîm. Sübhane’l-kerîmi ekrem. Sübhane’l-hâliki’l-cenneti ve naimuhâ, la-havle ve la-kuvvete illa billahi’l-aliyyi’l-azim.
Seine Bedeutung, wie das Buch sie wiedergibt:
Wisse und lerne, dass es keinen Gott gibt ausser Gott. Wisse und lerne, dass es keinen Gott gibt ausser Gott. Wisse und lerne, dass es keinen Gott gibt ausser Gott. So viel wie das Wissen Gottes, so viel wie die Barmherzigkeit Gottes: Gepriesen sei Gott, Lob sei Gott, es gibt keinen Gott ausser Gott, Gott ist der Grösste. Es gibt keine Kraft und keine Macht ausser durch die Hilfe Gottes, des Hohen, des Grossen. Gepriesen sei Gott, der kein Unrecht tut, der Herrscher, der Bezwinger. Gepriesen sei Gott, der gibt, wem Er will. Gepriesen sei Gott, der weder Gleichen noch Ebenbild hat. Gepriesen sei Gott, den die Geschöpfe der Erde von ihren Plätzen aus preisen. Gepriesen sei Gott, den die Tiere aus ihren Brüsten preisen. Gepriesen sei Gott, den die wilden Tiere von den hohen Bergen aus preisen. Gepriesen sei Gott, der Herrscher, der Bezwinger. Gepriesen sei Er, Gott, der Eine, der Überwältigende. Gepriesen sei Gott, der denen gibt, die Ihn bitten. Gepriesen sei Gott, der die Tyrannen stürzt. Gepriesen sei Gott, der Macht hat über alle Dinge. Gepriesen sei Gott, der Wissende, der Schöpfer. Gepriesen sei Gott, der Erhabene, der aus der Not befreit. Gepriesen sei Gott, der Freigebige, der Edle. Gepriesen sei Gott, der das Verborgene kennt, der Führer, der recht leitet. Gepriesen sei Gott, der die Himmel erschuf und sie erhob und den Planeten ihre Bahnen lehrte. Gepriesen sei Gott, der die Bahnen dieser Planeten baute. Gepriesen sei Gott, der Majestätische, der Edle. Gepriesen sei Gott, der das Verborgene kennt und niemandem sein Verborgenes offenbart. Gepriesen sei Gott, der Schöpfer, der Wissende. Gepriesen sei Gott, der Versorger, der Weise. Gepriesen sei Gott, der in den Mutterleibern formt, was Er will und wie Er will. Gepriesen sei Gott, grösser als den es keinen gibt. Gepriesen sei Gott, stärker als den es keinen gibt. Gepriesen sei Gott, mächtiger als den es keinen gibt. Gepriesen sei Gott, in dessen Hand das Wissen um alle Geschöpfe liegt. Wie erhaben ist Deine Herrlichkeit, mein Gott; ich spreche Dich frei von jedem Mangel. Wie hoch und erhaben ist Dein Hof, mein Herr; ich spreche Dich frei von jedem Mangel. Wie mächtig bist Du über das, was Du erschaffen hast, mein Herr; ich spreche Dich frei von jedem Mangel. Mein Gott, der durch Seine Güte und Grosszügigkeit für alle Versorgung bürgt, ich spreche Dich frei von jedem Mangel. Gepriesen sei Gott, der versorgt, wie Er will. Gepriesen sei Gott, der überall hinreicht und den niemand erreicht, der Höchste. Gepriesen sei Gott, der das Schlagen der Herzen der Vögel hört. Gepriesen sei Gott, den die Vögel durch ihr Vertrauen preisen. Gepriesen sei Gott, den alle Geschöpfe preisen. Er ist der Barmherzigste der Barmherzigen. Gepriesen sei Gott, der Versorger, der Mächtige. Gepriesen sei Gott, der Edle. Gepriesen sei Gott, der den Garten und das Glück darin erschuf. Es gibt keine Kraft und keine Macht ausser durch die Hilfe Gottes, des Hohen, des Grossen.
Der erste Satz des Textes ist dem 19. Vers der Sure Muhammad entnommen. Der Rest ist Tasbih, und das heisst zu erklären, dass Gott weit über jedem Mangel steht. Der Koran sagt, dass alle Dinge Gott preisen: “Es gibt nichts, was Ihn nicht lobpreist, aber ihr versteht ihr Preisen nicht” (Sure al-Isra 17:44). Die schönen Namen im Text stehen innerhalb dieser Lobpreisung.
Erlaubte Speise
Als das Esma zu Ende war, sagte Scheich Alaeddin:
O Sohn Haruns, wenn ein gewöhnlicher Mensch diese Namen mit erlaubter Speise liest, wird er einer der Auserwählten. Wer unter den Auserwählten sie liest und beharrlich bleibt, wird zum Auserwählten der Auserwählten. Und wer zu den Auserwählten der Auserwählten gehört und sie liest und beharrlich bleibt, dessen jeder Wunsch wird vor der Wahrheit wirklich, so Gott will.
Die Bedingung am Anfang des Satzes verlangt Aufmerksamkeit: erlaubte Speise. Das heisst, dass der Erwerb eines Menschen und die Speise auf seinem Tisch erlaubt sein sollen.
Darauf bestehen die Bücher der Sufis am meisten. Die Art, wie der Lebensunterhalt verdient wird, ist wichtig. Geld, das aus Zins stammt, ein Verkauf, der durch Täuschung zustande kam, ein zu kurz gezahlter Arbeiterlohn, ein Teilhaber, dessen Recht aufgezehrt wurde. All das fällt unter Kul hakkı, das Recht eines anderen Menschen. Was einem anderen gehört, wird durch Reue allein nicht abgeschlossen; es muss seinem Eigentümer zurückgegeben werden.
Es gibt dazu ein bekanntes Wort des Propheten. Er sagt, dass Gott rein ist und nur annimmt, was rein ist. Dann beschreibt er einen Mann, der einen langen Weg gekommen ist, zerzaust und staubig. Der Mann hebt die Hände zum Himmel und betet. Doch was er isst, ist unerlaubt, was er trinkt, ist unerlaubt, was er trägt, ist unerlaubt. “Wie sollte einem solchen dann geantwortet werden?”, sagt er (Muslim, Buch der Zakat).
Der Abschied
Nachdem er das Esma empfangen hatte, bat Seyyid Harun um Erlaubnis aufzubrechen. Scheich Alaeddin liess Wegzehrung bereiten. Dann ging er drei Tagesetappen weit mit ihnen.
Nach dem Buch verstand der Scheich dort das Geheimnis der Wolke, die Seyyid Harun führte, und er nannte ihn “Seyyid Harun Sultan” und sagte: “Die Wahrheit hat sie dir zum Führer gemacht.” Er bat ihn um die Erlaubnis zurückzukehren. Sie umarmten sich, nahmen voneinander Abschied, und der Scheich kehrte um.
Seyyid Harun “nahm Zuflucht bei der Wahrheit und setzte sein Vertrauen auf Gott”, wie das Buch selbst es sagt, und zog weiter. Von Bagdad kam er nach Konya und von dort an den Fuss des Küpe Dağı. Das war der Ort, den die Stimme beschrieben hatte. Im Jahr 1305 gründete er auf dem leeren Land östlich dieses Berges eine neue Stadt. Heute ist das Seydişehir. Er gründete auch eine Medrese. Dort starb er im Jahr 1320.
Quellen
- Abdulkerim b. Scheich Musa, Makalat-i Seyyid Harun, Handschrift Manisa, Bl. 6a-7b (1554)
- M. E. Şen, B. Şahin, A. Bektaş, Vefatının 700. Yılında Seyyid Harun Veli ve Makâlât-ı Seyyid Harun Veli (Seydişehir Belediyesi Yayınları, 2021)
- Cemal Kurnaz (Hg.), Abdülkerîm b. Şeyh Mûsâ: Makâlât-ı Seyyid Hârûn (Türk Tarih Kurumu, 1991)
- Mehmet Emin Şen, “Bir Şehir Kurucusu Olarak Seyyid Harun Veli”, SDÜ Sosyal Bilimler Dergisi, Nr. 55 (2022)
- Haşim Şahin, “Seyyid Hârun”, TDV İslâm Ansiklopedisi (2009)
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Zitieren als
Raşit Akgül. “Das Esma, das Scheich Alaeddin in Bagdad lehrte.” sufiphilosophy.org, 12. September 2026 . https://sufiphilosophy.org/de/taegliche-weisheit/das-esma-aus-bagdad