Die Taverne des Ruins
Inhaltsverzeichnis
Das Gedicht
Komm in die Taverne des Ruins und schmecke den Geschmack des ewigen Weins. Was du an Ruf und Ansehen besitzt, das lass am Eingang stehen.
Der Schenke gießt dir einen Kelch, der alles andere vergessen macht. Ein Tropfen dieses Weins, und du wirst nüchtern nie mehr, wie du warst.
Die Frommen stehen draußen vor der Tür, erschrocken über den Lärm im Innern. Die Trinker drinnen aber wissen: Trunkenheit ist unsere Nüchternheit.
Was kümmert mich, was sie von mir denken, die mein Gewand zerrissen sehen? Der Ruin, den sie beklagen, ist meine Auferstehung.
Hafiz, wirf den frommen Mantel ab, komm barfuß in die Schenke. Was du dort findest, ist kein Wein. Es ist das Antlitz des Geliebten.
Schemsettin Muhammad Hafiz (ca. 1315-1390), Divan Deutsche Nachdichtung nach verschiedenen Quellen
Kontext
Hafiz aus Schiras gilt neben Rumi als der größte persische Lyriker. Sein Divan (Gedichtsammlung) wird in Iran bis heute als Orakelbuch verwendet: Man öffnet es an einer beliebigen Stelle und liest den Vers als Antwort auf eine innere Frage. Goethe war so beeindruckt, dass er seinen West-östlichen Divan als Antwort auf Hafiz verfasste.
Hafiz’ Dichtung bewegt sich durchgehend in der Bildsprache von Wein, Taverne, Schenke und Trunkenheit. Diese Symbolik hat eine jahrhundertealte Tradition in der persischen Sufi-Dichtung und folgt einem festen Schlüssel.
Der Wein: Göttliche Liebe
Der Wein (Scharab) in der sufischen Dichtung ist kein alkoholisches Getränk. Er steht für die Erfahrung der göttlichen Liebe (Ischq), die den Trinkenden berauscht, das heißt: ihn aus seinem gewöhnlichen Bewusstseinszustand heraushebt. Wie physischer Wein die Hemmungen löst, so löst der göttliche Wein die Bindungen des Ego.
Die Gärung der Liebe, von der auch Rumi im Lied des Rohrs spricht (“Es ist die Gärung der Liebe, die in den Wein gefallen ist”), verwandelt das Rohmaterial der menschlichen Seele in etwas Neues. Der Prozess ist nicht sanft. Er verändert die Substanz des Trinkenden.
Die Taverne: Der Ort der Suche
Die Taverne (Maikada oder Kharabat) ist der Ort, an dem der Wein ausgeschenkt wird. In der sufischen Symbolik steht sie für die Versammlung der Suchenden, den Sohbet-Kreis, die Gemeinschaft derer, die den konventionellen Respekt aufgegeben haben und bereit sind, sich der Verwandlung auszusetzen.
Dass die Taverne im islamischen Kontext ein verbotener Ort ist, gehört zur Pointe: Der sufische Dichter verwendet absichtlich das Bild des Verbotenen, um anzudeuten, dass der Weg, den er beschreibt, die gesellschaftlichen Konventionen sprengt. Nicht die Scharia wird verletzt, denn der Wein ist kein wirklicher Wein. Vielmehr werden die Ansprüche des gesellschaftlichen Ego bloßgestellt.
Der Ruin: Auflösung des Ego
Kharabat bedeutet wörtlich “Ruinen”, und die Taverne befindet sich im Ruin. Diese Verortung ist symbolisch zentral. Der Ruin steht für den Zustand des Menschen, dessen gewöhnliche Identität zusammengebrochen ist. Ruf, Ansehen, gesellschaftliche Stellung: alles liegt in Trümmern. Doch genau in diesen Trümmern, so Hafiz, findet sich der Schatz.
“Der Ruin, den sie beklagen, ist meine Auferstehung” bringt das Paradox auf den Punkt. Was die Außenstehenden als Zerstörung wahrnehmen, ist für den Eingeweihten Befreiung. Das Fana, die Auslöschung des niederen Selbst, sieht von außen wie ein Zusammenbruch aus. Von innen erlebt, ist es das Aufgehen in einer größeren Wirklichkeit.
Der Schenke und der fromme Mantel
Der Schenke (Saqi) ist in der sufischen Symbolik der geistliche Lehrer oder Gott selbst, der den Wein der Erkenntnis ausschenkt. Der “fromme Mantel” (Khirqa) steht für die äußere Frömmigkeit, die zum Hindernis werden kann, wenn sie zur Selbstgerechtigkeit erstarrt.
Hafiz’ Aufforderung, den Mantel abzuwerfen, ist keine Absage an die religiöse Praxis. Es ist eine Warnung vor der Falle der Scheinheiligkeit. Wer seinen frommen Mantel wichtiger nimmt als die Wahrheit, die er verhüllen soll, hat den Zweck der Praxis vergessen. “Was du dort findest, ist kein Wein. Es ist das Antlitz des Geliebten.” Am Ende aller Symbolik steht die unmittelbare Begegnung mit dem Göttlichen.
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Raşit Akgül. “Die Taverne des Ruins.” sufiphilosophy.org, 31. März 2026. https://sufiphilosophy.org/de/gedichte/die-taverne-des-ruins.html
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