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Gedichte

Gibt es irgendwo einen Fremden wie mich: Yunus Emre über die Ghurbat

Von Raşit Akgül 19. Mai 2026 8 Min. Lesezeit

Das Gedicht

Acep şu yerde var m’ola şöyle garîb bencileyin? Bağrı başlı, gözü yaşlı, şöyle garîb bencileyin.

Gezerim Rûm ile Şâm’ı, yukarı illerî kamu. Çok istedim, bulamadım, şöyle garîb bencileyin.

Kimseler garîb olmasın, hasret oduna yanmasın. Hocam, kimseler duymasın şöyle garîb bencileyin.

Söyler dilim, ağlar gözüm; garîblere göynür özüm. Meğer ki gökte yıldızım şöyle garîb bencileyin.

Nice bu dert ile yanam, ecel ere bir gün ölem; meğer ki sinimde bulam şöyle garîb bencileyin.

Bir garîb ölmüş diyeler, üç günden sonra duyalar; soğuk su ile yuyalar şöyle garîb bencileyin.

Hey Emre’m Yûnus biçâre, bulunmaz derdine çare. Var imdi gez şârdan şâre, şöyle garîb bencileyin.

Eine einfache Übertragung ins Deutsche:

Gibt es irgendwo auf dieser Welt einen Fremden wie mich? Mit wundem Herzen, weinenden Augen, einen Fremden wie mich.

Ich habe Anatolien und Syrien durchwandert, all die oberen Länder. Ich suchte und fand keinen Fremden wie mich.

Möge niemand Fremder sein, niemand im Feuer der Sehnsucht brennen. Meister, möge niemand je einen Fremden wie mich kennen.

Meine Zunge spricht, meine Augen weinen; meine Seele trauert um die Fremden. Nur vielleicht ist mein Stern am Himmel ein Fremder wie ich.

Wie lange soll ich in diesem Schmerz brennen, wann kommt mein Tag und ich sterbe? Vielleicht finde ich erst im Grab einen Fremden wie mich.

“Ein Fremder ist gestorben,” werden sie sagen, und es erst nach drei Tagen erfahren, und meinen Leib mit kaltem Wasser waschen, einen Fremden wie mich.

Hey Emre, hey armer Yunus, für deinen Schmerz gibt es keine Heilung. Geh nun, wandre von Stadt zu Stadt, ein Fremder wie ich.

”Şöyle Garîb Bencileyin”: Der Refrain, der die Seele benennt

Der Refrain des Gedichts, şöyle garîb bencileyin (“ein Fremder wie ich, so ganz und gar fremd”), wiederholt sich am Ende jeder Strophe wie ein Glockenschlag. Yunus benennt nicht, worauf er zeigt. Er muss es nicht. Die Wiederholung selbst ist die Bedeutung.

Der Refrain benennt den sufischen Zustand der Ghurbat: Entfremdung. Ghurbat in der klassischen sufischen Sprache ist nicht psychologische Einsamkeit. Sie ist ein Maqam: die bleibende Station dessen, der einen Blick erhascht hat auf den eigentlichen Ort des Herzens und nun diese Welt als nicht-ganz-Heimat erfährt. Die klassische Formulierung steht in al-Qushayris Risala und in al-Hujwiris Kashf al-Mahjub: Ghurbat ist ein positives Zeichen, kein negativer Zustand. Der Suchende, der in dieser Welt ganz zuhause ist, hat noch nicht bemerkt, dass er reist. Der Suchende, der sich in ihr fremd fühlt, hat begonnen, an die Heimat zu erinnern.

Der Wanderer im Gedicht durchstreift Rûm (Anatolien) und Schâm (Syrien), die große Sufi-Geographie der Zeit, und findet niemanden, der so fremd wäre wie er selbst. Das ist kein Prahlen. Es ist die Erkenntnis, dass Ghurbat am Ende eine innere Station ist, kein Ort. Wer alle Länder durchschreitet und keinen gleich fremden Gefährten findet, ist nicht einsam; er bekennt, dass die Heimat, nach der er sich sehnt, in keiner Geographie auf der Karte zu finden ist.

Der Leib des Fremden: “Bir Garîb Ölmüş Diyeler”

Die sechste Strophe wendet sich plötzlich dem Tod des Fremden zu:

Bir garîb ölmüş diyeler, üç günden sonra duyalar; soğuk su ile yuyalar.

Ein Fremder ist gestorben; erst nach drei Tagen werden sie es erfahren; sie werden den Leib mit kaltem Wasser waschen.

Der anatolische Hörer hört diesen Vers und der Boden sinkt unter ihm. Das Bild ist konkret: ein armer Reisender stirbt fern von seinen Leuten; niemand ist da, der seinen Tod ankündigen könnte; die Nachricht reist langsam; schließlich waschen Fremde den Leib mit kaltem statt warmem Wasser, in der Eile einer unvorbereiteten Gemeinschaft.

Diese Strophe leistet etwas theologisch Präzises. Das islamische Recht legt der Gemeinschaft Pflichten gegenüber den Toten auf. Der Leib jedes Muslims muss gewaschen, eingewickelt, in einem Gebet bedacht und beerdigt werden. Diese Pflichten sind fard al-kifaya: gemeinschaftliche Pflichten, die denen obliegen, die anwesend sind. Der tote Fremde in Yunus’ Vers ist der Grenzfall dieser Pflichten: derjenige, der keine Verwandten, keine Freunde, keinen Anspruch, keine Stimme hat. Die Dürftigkeit dieser Bestattung legt die Lücke offen, die Ghurbat benennt.

Doch Yunus protestiert nicht. Er sagt: das könnte ich sein. Und damit tut er zugleich zweierlei.

Erstens erinnert er den Hörer an die Pflicht der Gemeinschaft gegenüber dem toten Fremden. Keine Bestattung eines Gläubigen werde vernachlässigt; keine Nachricht komme erst drei Tage zu spät.

Zweitens lehrt er den Hörer, sich mit dem Fremden zu identifizieren; in sich selbst, noch zu Lebzeiten, die Lage dessen zu spüren, der unbeobachtet sterben könnte. Diese innere Wende ist das Werk, das Ghurbat fordert.

Die anatolische Tradition trägt diesen Vers seit sieben Jahrhunderten mit großer Zärtlichkeit. Er wird bei Begräbnissen gesungen, in Zikir-Kreisen der Bektaschis und Mevlevi, am Lager des Sterbenden.

Das Garîb-Hadith: “Der Islam begann als Fremder”

Das Gedicht ruht auf einem Hadith, das dem ganzen Begriff der Ghurbat sein islamisches Fundament gibt:

Bedeʾe-l-Islāmu gharīban wa sa-yaʿūdu gharīban kamā badaʾa; fa-ṭūbā li-l-ghurabā’.

“Der Islam begann als Fremder, und er wird wiederkehren als Fremder, wie er begann; so frohe Botschaft den Fremden.”

(Muslim, Sahih, Kitab al-Iman; Tirmidhi, Sunan)

Das Hadith setzt gharīb als positiven religiösen Begriff. Die ersten Muslime waren Fremde in Mekka. Die Gläubigen werden in jedem Zeitalter, in dem die Praxis des Glaubens schwer wird, in ihrer eigenen Zeit fremd sein. Das Hadith beklagt das nicht; es segnet es. Tūbā li-l-ghurabā’: tūbā, im Wortschatz des Paradieses, ist ein Baum oder ein Zustand höchster Glückseligkeit. Die Fremden sind nicht verlassen. Sie sind die Empfänger eines besonderen Versprechens des Paradieses.

Yunus’ şöyle garîb bencileyin ist die menschliche Seite dieses göttlichen Worts. Der Fremde des Hadiths ist der Fremde des Gedichts.

Deshalb schließt das Gedicht wie es schließt: Var imdi gez şârdan şâre, şöyle garîb bencileyin. Also: geh nun, wandere von Stadt zu Stadt, ein Fremder wie ich. Die Anweisung ist keine Verzweiflung. Sie ist die sufische Mashreb: die Haltung des Wanderers, der hingenommen hat, dass seine Heimat nicht hier ist, und der deshalb sein Leben auf dieser Erde als Gast geht.

Yunus, Mevlana und die Ney: Drei Stimmen einer Ghurbat

Das gleiche Thema (die Seele als Fremde dieser Welt, mit Sehnsucht nach einer Heimat, die sie nur erahnt hat) zieht sich durch drei der großen anatolischen Eröffnungsgedichte.

Rumis Ney klagt am Anfang des Mesnevi aus dem Schilfbett, aus dem es geschnitten wurde: Höre die Ney, wie sie klagt, sie erzählt vom Getrenntsein. Das Schilfrohr singt von firaq, der Trennung von der Quelle. Die Note ist die gleiche wie Yunus’ garîb: das Wiedererkennen, dass das Herz von anderswo kommt.

Hacı Bayram-ı Velîs “N’oldu bu gönlüm” gibt dasselbe Thema in schlichtem Türkisch: was ist mit diesem Herzen geschehen, es hat sich mit Kummer und Schmerz gefüllt. Das Herz, das trauert, ist das Herz, das sich an etwas erinnert hat, das es nicht recht nennen kann.

Und hier in Yunus’ şöyle garîb bencileyin: dasselbe firaq, derselbe Ney-Ton, aber nun im alltäglichsten anatolischen Türkisch, in der Stimme eines armen Mannes, der von Stadt zu Stadt geht. Drei Stimmen einer einzigen anatolischen Erbschaft: das imperiale Persisch Mevlanas, das zentralanatolische Türkisch Hacı Bayrams und das Dorf-Türkisch Yunus’; alle singen dasselbe Erkennen.

Warum dieses Gedicht überdauert

Sieben Jahrhunderte später wird das Gedicht noch bei anatolischen Begräbnissen rezitiert, in Zikir-Kreisen gesungen und von den großen klassischen türkischen Stimmen aufgenommen. Der Grund ist derselbe wie bei “Bir Kez Gönül Yıktın İse” und bei “Severim Ben Seni Candan İçeri”: Yunus sagt etwas strukturell Wahres über die Lage des Gläubigen, in einem Türkisch, das das Dorf und die Lodge gleichermaßen empfangen können.

Das Gedicht lehrt zugleich dreierlei. Es lehrt den Gläubigen, die Ghurbat zu spüren, die das eigentliche Erbe des Wanderers ist. Tūbā li-l-ghurabā’: der Fremde wird gesegnet, nicht bemitleidet. Es erinnert die Gemeinschaft an ihre Pflicht gegenüber dem toten Fremden. Es lehrt den Sucher, dass der Weg des Herzens keine Reise zu einem Ziel ist, sondern ein Wandern.

Das ist Yunus’ anatolisches Register in seiner reinsten Gestalt: schlicht, direkt, theologisch im klassischen Hadith verankert, ethisch in der Sorge der Gemeinschaft um ihre Toten verankert, mystisch in der Ghurbat des Herzens verankert.

Quellen

  • Yunus Emre, Divan, hg. Mustafa Tatcı
  • Mustafa Tatcı, Yûnus Emre Divânı: İnceleme, Metin (Ankara, 1990)
  • Abdülbâki Gölpınarlı, Yûnus Emre: Hayatı ve Bütün Şiirleri (Istanbul, 1971)
  • Muslim, Sahih, Kitab al-Iman, das gharīb-Hadith
  • Tirmidhi, Sunan, das gharīb-Hadith
  • al-Qushayri, al-Risala al-Qushayriyya, Kapitel über ghurba
  • al-Hujwiri, Kashf al-Mahjub, Abschnitt über ghurba
  • al-Ghazali, Ihya’ Ulum al-Din, Kitab al-Mawt, über die Rechte der Toten
  • Fuad Köprülü, Türk Edebiyatında İlk Mutasavvıflar (1918)

Schlagwörter

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Raşit Akgül. “Gibt es irgendwo einen Fremden wie mich: Yunus Emre über die Ghurbat.” sufiphilosophy.org, 19. Mai 2026. https://sufiphilosophy.org/de/gedichte/gibt-es-einen-fremden-wie-mich.html