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Gedichte

Die Liebe nahm mich mir

Von Raşit Akgül 31. März 2026 4 Min. Lesezeit

Das Gedicht

Die Liebe nahm mich mir, gab mich dem Geliebten hin. Das ist ein Handel, wundersam: Ich fand mich, als ich mich verlor.

Die Liebe wurde mein Wesen, sie floss mir in jede Ader. Sie leerte mich von mir selbst, sie füllte mich mit dem Freund.

Dem Freund gab ich Haut und Knochen, er gab mir Flammen und Glut. Was ich besaß, das gab ich hin, was ich empfing, hat keinen Namen.

Nicht bin ich, der ich war, und bin doch mehr als je zuvor. Die Liebe trug mein kleines Selbst und brachte mir das weite Sein.

Yunus sagt: Wer von der Liebe spricht, der brennt, und wer da brennt, der schweigt. Denn was die Flamme ihm gezeigt, das fasst kein Wort und kein Bericht.

Yunus Emre (ca. 1240-1321) Deutsche Nachdichtung nach verschiedenen Quellen

Kontext

Yunus Emre war ein anatolischer Wanderderwisch des 13. Jahrhunderts, Schüler des Scheichs Tapduk Emre. Seine Dichtung verbindet die Tiefe der großen persischen Sufi-Tradition mit der Klarheit und Wärme der türkischen Volkssprache. In diesem Gedicht behandelt er das zentrale Thema der sufischen Erfahrung: die Liebe als die Kraft, die das Ego auflöst und den Menschen verwandelt.

Die Liebe als Handelspartner

Yunus Emre beschreibt die Begegnung mit der göttlichen Liebe (Ischq) als einen Tausch: Das Selbst wird hingegeben, der Geliebte wird empfangen. Doch es ist kein gewöhnlicher Handel, denn was man empfängt, ist unermesslich größer als das, was man aufgibt. “Ich fand mich, als ich mich verlor” fasst das Paradox zusammen, das im Zentrum der sufischen Psychologie steht.

Das Nafs (Ego), das aufgegeben wird, ist nicht das wahre Selbst. Es ist die Ansammlung von Gewohnheiten, Ängsten und Begierden, die den Menschen daran hindert, seine eigentliche Natur zu erkennen. Was nach dessen Auflösung bleibt, ist reicher, weiter, lebendiger als das, was vorher war: “Nicht bin ich, der ich war, und bin doch mehr als je zuvor.”

Selbstauflösung und Fana

Das Gedicht beschreibt den Prozess des Fana in der Sprache der Liebeserfahrung. “Sie leerte mich von mir selbst, sie füllte mich mit dem Freund” ist eine poetische Beschreibung dessen, was die sufische Lehre als das Vergehen des niederen Selbst und das Fortbestehen im Göttlichen (Baqa) beschreibt.

Dschunaid al-Baghdadi definierte Fana als die Auslöschung der niederen Eigenschaften, nicht als die Vernichtung der Person. Yunus Emre bestätigt dies: Wer sich verliert, findet sich. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Erfahrung. Das kleine Selbst, das aus Angst und Begierde besteht, weicht einem Bewusstsein, das im Göttlichen verankert ist.

Die Flamme und das Schweigen

Der letzte Vers führt an die Grenze der Sprache: “Wer von der Liebe spricht, der brennt, und wer da brennt, der schweigt.” Hier berührt Yunus Emre ein Grundproblem der mystischen Dichtung. Die tiefsten Erfahrungen entziehen sich dem Ausdruck. Der Dichter muss dennoch sprechen, weil sein Brennen ihn dazu treibt, doch er weiß, dass seine Worte das Erlebte nur andeuten, nie einfangen können.

Dieses Paradox verbindet Yunus Emre mit allen großen Sufi-Dichtern. Rumi beschreibt den Ney als Instrument, das nur klagen, aber nicht erklären kann. Hallaj brach das Schweigen und zahlte mit seinem Leben. Yunus Emre wählt den Mittelweg: Er spricht in einfachen Worten über das Unsagbare und lässt in der Schlichtheit seiner Sprache einen Raum offen, den der Hörer selbst betreten muss.

Liebe jenseits des Gefühls

Was Yunus Emre “Liebe” nennt, ist kein Gefühl im gewöhnlichen Sinn. Es ist eine kosmische Kraft, die den Menschen ergreift, verwandelt und über sich selbst hinaushebt. Im sufischen Verständnis ist diese Liebe letztlich die Anziehung, die Gott auf die Seele ausübt: der Ruf, der dem Suchenden vorausgeht und ihn auf den Weg zieht, bevor er selbst den ersten Schritt getan hat.

Schlagwörter

yunus emre liebe selbstauflösung verwandlung

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Diesen Artikel zitieren

Raşit Akgül. “Die Liebe nahm mich mir.” sufiphilosophy.org, 31. März 2026. https://sufiphilosophy.org/de/gedichte/die-liebe-nahm-mich.html