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Gedichte

Die Motte und die Flamme

Von Raşit Akgül 31. März 2026 4 Min. Lesezeit

Das Gedicht

Die Motten versammelten sich eines Nachts und quälten sich mit dem Verlangen nach der Kerze. Sie sprachen: “Jemand muss hingehen und uns Kunde bringen von jener, die wir lieben.”

Eine Motte flog hinaus und fand ein Schloss, und drinnen sah sie das Licht einer Kerze. Sie kehrte zurück und erzählte, was sie gesehen, und beschrieb die Flamme, so gut sie konnte.

Der Rat der Motten sprach: “Diese hier hat keine wahre Kenntnis von der Flamme.”

Eine zweite Motte flog hin und näherte sich, berührte beinahe das Licht mit ihren Flügeln. Die Hitze trieb sie zurück. Sie kehrte heim und berichtete von der Wärme und dem Leuchten.

Der Rat sprach: “Auch ihr Bericht gleicht dem der ersten. Keine wahre Kenntnis.”

Da flog eine dritte Motte hin, trunken vor Verlangen, und stürzte sich mit ausgebreiteten Flügeln in die Flamme. Sie wurde eins mit ihr, leuchtete auf und war verschwunden.

Als die anderen sahen, wie sie glühte, sprach der Rat: “Nur diese kennt die Flamme. Doch sie allein. Und sie kann es niemandem sagen.”

Fariduddin Attar, Mantiq ut-Tair (Die Konferenz der Vögel), ca. 1177 Deutsche Nachdichtung nach der Übersetzung von Hellmut Ritter

Kontext

Fariduddin Attar (ca. 1145-1221) war ein persischer Sufi-Dichter aus Nischapur, dessen Werk Rumi tief beeinflusste. Rumi selbst sagte: “Attar hat die sieben Städte der Liebe durchschritten, ich aber bin erst an der Biegung einer Gasse.” Die Allegorie der Motte und der Flamme findet sich in seinem Hauptwerk Mantiq ut-Tair (Die Konferenz der Vögel), ist aber auch in seiner anderen Dichtung ein wiederkehrendes Bild.

Die drei Stufen der Erkenntnis

Die drei Motten verkörpern drei Erkenntnisstufen, die in der sufischen Tradition als Ilm al-Yaqin, Ain al-Yaqin und Haqq al-Yaqin bekannt sind.

Die erste Motte sah die Flamme aus der Ferne. Sie besitzt Ilm al-Yaqin: das Wissen der Gewissheit, Wissen durch Überlieferung und Beschreibung. Sie kann berichten, doch ihr Bericht bleibt äußerlich. So verhält es sich mit dem Wissen aus Büchern: nützlich, aber unvollständig.

Die zweite Motte näherte sich und spürte die Hitze. Sie besitzt Ain al-Yaqin: das Auge der Gewissheit, Wissen durch eigene Erfahrung. Sie hat mehr als die erste erfahren, doch sie ist zurückgewichen. Ihr Wissen ist tiefer, aber noch immer durch den Selbsterhaltungstrieb begrenzt.

Die dritte Motte stürzte sich in die Flamme und wurde eins mit ihr. Sie erreicht Haqq al-Yaqin: die Wahrheit der Gewissheit, Wissen durch Identität. Doch dieses Wissen hat einen Preis: Wer es erlangt, kann nicht mehr zurückkehren, um davon zu berichten.

Die Auslöschung des Erkennenden

Attars Allegorie trifft den Kern des sufischen Erkenntnisbegriffs: Das höchste Wissen verlangt die Aufgabe desjenigen, der wissen will. Solange ein “Ich” besteht, das die Flamme betrachtet, bleibt die Trennung zwischen Erkennendem und Erkanntem bestehen. Erst wenn diese Trennung aufgehoben wird, im Fana, entsteht wahre Erkenntnis.

Dies ist keine Vernichtung im nihilistischen Sinn. Die Motte wird nicht einfach zerstört. Sie “leuchtete auf”, sagt Attar. Im Augenblick des Vergehens wird sie ganz Licht. Die Auslöschung des begrenzten Selbst ist zugleich die Verwirklichung des grenzenlosen Seins.

Die Stille der Wissenden

“Nur diese kennt die Flamme. Doch sie allein. Und sie kann es niemandem sagen.” Dieser letzte Satz verbindet Attars Allegorie mit dem Grundproblem aller mystischen Tradition: Die tiefste Erfahrung entzieht sich der Mitteilung. Halladsch versuchte, das Unsagbare auszusprechen, und wurde hingerichtet. Dschunaid bestand auf dem Schweigen. Attar zeigt, dass beides seine Berechtigung hat, und dass die Wahrheit letztlich jenseits beider Haltungen liegt: in einem Wissen, das nur dem offensteht, der bereit ist, sich selbst aufzugeben.

Schlagwörter

attar motte flamme fana selbstaufgabe liebe

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Diesen Artikel zitieren

Raşit Akgül. “Die Motte und die Flamme.” sufiphilosophy.org, 31. März 2026. https://sufiphilosophy.org/de/gedichte/die-motte-und-die-flamme.html