Schams-i Tabrizi: Der wandernde Funke
Inhaltsverzeichnis
Schams ad-Din Muhammad ibn Ali ibn Malikdad at-Tabrizi, bekannt als Schams-i Tabrizi (gest. ca. 1248), ist eine der rätselhaftesten Gestalten der sufischen Tradition. Sein Name ist untrennbar mit dem Rumis verbunden, denn es war die Begegnung zwischen diesen beiden Männern, die einen der grössten Dichter der Menschheitsgeschichte hervorbrachte. Doch Schams verdient es, nicht bloss als Katalysator für Rumis Verwandlung betrachtet zu werden. Er war ein eigenständiger Denker und Lehrer, dessen eigene Lehren, überliefert in den Maqalat-i Schams-i Tabrizi, von beträchtlicher Tiefe sind.
Der geheimnisvolle Wanderer
Über Schams’ Leben vor seiner Ankunft in Konya ist wenig mit Sicherheit bekannt. Er stammte aus Tabriz im nordwestlichen Iran (dem heutigen Aserbaidschan Irans), einer bedeutenden Handels- und Kulturstadt. Die Quellen deuten darauf hin, dass er eine solide islamische Ausbildung genoss und bei mehreren Meistern studierte, darunter Baba Kamal ad-Din Dschundi.
Was die Quellen übereinstimmend berichten, ist Schams’ ungewöhnlicher Charakter. Er war ein Mann von schroffer Direktheit, der gesellschaftliche Konventionen missachtete und sich weigerte, die höflichen Umgangsformen der Gelehrtenwelt zu befolgen. Er lebte als Wanderer, ohne feste Bleibe, ohne Schülerschaft, ohne institutionelle Einbindung. Er reiste von Stadt zu Stadt und suchte, wie er selbst sagte, einen Menschen, der “seine Gesellschaft ertragen” könne.
Diese Suche war nicht Ausdruck von Arroganz, sondern einer geistlichen Einsamkeit. Schams lebte auf einer Ebene der Intensität, die die meisten Menschen überforderte. Er suchte nicht Bewunderer oder Schüler, sondern einen Gesprächspartner, jemanden, dessen geistliches Niveau hoch genug war, um in der vollen Kraft der Begegnung zu bestehen, ohne zu zerbrechen.
Die Überlieferung berichtet, dass er in einem Traum oder einer Vision gefragt wurde, was er bereit sei, für die Begegnung mit einem solchen Gefährten zu geben. Seine Antwort: “Meinen Kopf.” Es sollte sich herausstellen, dass dies keine rhetorische Übertreibung war.
Die Begegnung mit Rumi
Die Begegnung zwischen Schams und Rumi in Konya im Jahr 1244 ist eines der am häufigsten erzählten Ereignisse der sufischen Tradition, und die verschiedenen Überlieferungen divergieren in den Details erheblich. Gemeinsam ist ihnen der Kern: Schams stellte Rumi eine Frage (oder vollzog eine Handlung), die den angesehenen Gelehrten aus seinen intellektuellen Gewissheiten herausriss und in einen Zustand der Erschütterung versetzte.
Eine Version berichtet, Schams habe Rumi gefragt, ob Muhammad oder Bayazid Bistami grösser sei, und als Rumi erwartungsgemäss den Propheten nannte, habe Schams mit einer paradoxen Antwort nachgesetzt, die Rumis gesamtes Weltbild ins Wanken brachte. Eine andere Version erzählt, Schams habe Rumis Bücher in einen Brunnen geworfen und auf die empörte Frage, was er getan habe, geantwortet: “Das musst du jetzt lernen.”
Was auch immer die genauen Umstände waren: Das Ergebnis war eine Verwandlung von solcher Radikalität, dass sie in der Geschichte des Sufismus ihresgleichen sucht. Rumi, der respektierte Rechtsgelehrte und Prediger, gab seinen gesamten Lehrbetrieb auf und verbrachte Monate in exklusiver Zwiesprache mit diesem Fremden. Die beiden zogen sich in eine khalwa (Klausur) zurück, und was in diesen Gesprächen stattfand, entzieht sich der Rekonstruktion, lässt sich aber an seinen Früchten ablesen: Rumi begann zu dichten.
Eifersucht, Verschwinden, Trauer
Rumis Hingabe an Schams löste in seinem Umfeld heftige Reaktionen aus. Seine Schüler fühlten sich vernachlässigt. Sein Sohn Ala ad-Din empfand offene Feindseligkeit gegenüber dem Eindringling. Die Spannungen wurden so gross, dass Schams sich genötigt sah, Konya zu verlassen. Er ging nach Damaskus.
Rumi war untröstlich. Er schickte seinen anderen Sohn, Sultan Walad, nach Damaskus, um Schams zurückzuholen. Sultan Walad fand ihn und überredete ihn zur Rückkehr. Doch die Konflikte flammten erneut auf, und Schams verschwand ein zweites Mal. Diesmal endgültig.
Was mit Schams geschah, ist ungewiss. Die wahrscheinlichste Hypothese, gestützt auf einige Quellen, ist, dass er ermordet wurde, möglicherweise unter Beteiligung von Ala ad-Din und einigen von Rumis eifersuchtigen Schülern. Andere Quellen berichten, er sei einfach weitergezogen, verschwunden in der Anonymität der Wanderschaft, aus der er gekommen war.
Für Rumi war dieses Verschwinden von zerstörerischer und zugleich schöpferischer Kraft. Die Trauer um Schams wurde zum Brennpunkt seiner dichterischen Inspiration. Das gesamte Divan-i Schams-i Tabrizi, eine der grössten Gedichtsammlungen der Weltliteratur, ist nach Schams benannt und an ihn gerichtet. In diesen Gedichten wird Schams zur Chiffre für das Göttliche selbst: der Geliebte, der erscheint und verschwindet, der alles gibt und alles nimmt, der durch seine Abwesenheit präsenter wird als durch seine Anwesenheit.
Rumi erkannte schliesslich, dass die Trennung von Schams kein Unglück war, sondern die letzte Lektion. Der äussere Lehrer muss verschwinden, damit der Schüler entdeckt, dass das, was er im Lehrer suchte, in ihm selbst war. “Was ich für dich hielt, war ich selbst”, schrieb Rumi. Diese Einsicht ist der Kern der sufischen Lehre über das Verhältnis von Meister und Schüler.
Die Maqalat: Schams’ eigene Lehren
Lange Zeit war Schams fast ausschliesslich als Figur in Rumis Biographie bekannt. Die Entdeckung und Publikation der Maqalat-i Schams-i Tabrizi (“Gespräche des Schams von Tabriz”) hat dieses Bild korrigiert. Die Maqalat sind eine Sammlung von Aussprüchen und Gesprächen, die von Schams’ eigenen Schülern aufgezeichnet wurden. Sie zeigen einen eigenständigen Denker von beträchtlicher Originalität.
Schams’ Lehrstil, wie er in den Maqalat erscheint, ist direkt, provokativ und bisweilen schonungslos. Er kritisiert offen die Heuchelei der Gelehrten, die religiöses Wissen anhäufen, ohne es zu leben. Er spottet über den Sufismus der Gewänder und Rituale, der die äussere Form über die innere Verwandlung stellt. Er besteht darauf, dass geistliches Leben nicht in der Abkehr von der Welt besteht, sondern in der vollständigen Präsenz inmitten der Welt.
Ein wiederkehrendes Thema der Maqalat ist die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Für Schams ist der wahre Lehrer kein Vermittler von Wissen, sondern ein Spiegel, in dem der Schüler sein eigenes tieferes Wesen erkennt. Der Lehrer gibt dem Schüler nichts, was dieser nicht bereits besitzt. Er zeigt ihm, was in ihm verborgen liegt.
Schams betont auch die Notwendigkeit der sohbet, der geistlichen Gemeinschaft durch Gespräch. Nicht die formelle Unterweisung, sondern die lebendige Begegnung zwischen zwei Menschen, die in der Wahrheit stehen, ist der eigentliche Ort der Verwandlung. Die Transformation geschieht nicht durch Lehre, sondern durch Präsenz.
Vermächtnis
Schams-i Tabrizis Bedeutung liegt in dem, was er auslöste, aber auch in dem, was er war. Er verkörpert den Typus des wandernden qalandar, jenes spirituellen Nonkonformisten, der sich keiner institutionellen Ordnung einfügt und dessen Kraft gerade in seiner Ungebundenheit liegt.
Sein Verhältnis zu Rumi ist ein Paradigma für die sufische Vorstellung von der transformierenden Begegnung: Der richtige Mensch zum richtigen Zeitpunkt kann ein ganzes Leben umkehren. Nicht durch Belehrung, nicht durch Argumentation, sondern durch die blosse Kraft seiner Gegenwart.
Dass Schams verschwand und sein Schicksal ungeklärt blieb, gehört zur Logik seiner Gestalt. Er kam als Unbekannter und ging als Unbekannter. Was dazwischen lag, veränderte die Weltliteratur.
Quellen
- Schams-i Tabrizi, Maqalat-i Schams-i Tabrizi (ca. 1240er Jahre)
- Aflaki, Manaqib al-Arifin (ca. 1353)
- Sultan Walad, Ibtida-nama (ca. 1291)
- Sipahsalar, Risala-yi Sipahsalar (ca. 1312)
- Franklin Lewis, Rumi: Past and Present, East and West (2000)
Schlagwörter
Diesen Artikel zitieren
Raşit Akgül. “Schams-i Tabrizi: Der wandernde Funke.” sufiphilosophy.org, 31. März 2026. https://sufiphilosophy.org/de/lehrer/shams-tabrizi.html
Verwandte Artikel
Bayazid Bistami: Der Sultan der Gotteskenner
Leben und Lehre des Abu Yazid al-Bistami, Begründer der ekstatischen Schule im Sufismus, dessen Schathiyyat die Grenzen mystischer Sprache ausloteten.
Ghazali: Der Erneuerer des Glaubens
Abu Hamid al-Ghazali verliess den bedeutendsten Lehrstuhl der islamischen Welt, um direkte Gotteserkenntnis zu suchen. Seine intellektuelle Redlichkeit formte das islamische Denken für Jahrhunderte.
Hasan al-Basri: Das Gewissen des frühen Islam
Hasan al-Basri legte im Basra des ersten Jahrhunderts die Grundlagen islamischer Spiritualität: Askese, Selbstprüfung und das innere Leben als integraler Bestandteil prophetischer Praxis.