Nicht Christ und nicht Jude
Inhaltsverzeichnis
Das Gedicht
Was soll ich tun, o ihr Muslime? Ich erkenne mich selbst nicht. Nicht Christ bin ich, nicht Jude, nicht Magier, nicht Muslim.
Nicht östlich, nicht westlich, nicht irdisch, nicht himmlisch. Nicht aus Erde, nicht aus Wasser, nicht aus Luft, nicht aus Feuer.
Nicht aus dem Thron, nicht aus dem Teppich, nicht aus dem Sein, nicht aus dem Ort. Nicht aus Indien, nicht aus China, nicht aus Bulgarien, nicht aus Persien.
Nicht aus dem Irak, nicht aus Khorasan, nicht aus dieser Welt, nicht aus der nächsten.
Mein Ort ist der Ortlose, mein Zeichen das Zeichenlose. Nicht Leib, nicht Seele, denn ich gehöre der Seele des Geliebten.
Ich habe die Zweiheit abgelegt, ich sah die zwei Welten als eine. Eines suche ich, Eines kenne ich, Eines sehe ich, Eines rufe ich an.
Dschalal ad-Din Rumi, Divan-i Schams-i Tabrizi Nach der Übersetzung von Annemarie Schimmel
Kontext
Dieses Gedicht aus dem Divan-i Schams-i Tabrizi gehört zu den meistzitierten Versen Rumis im Westen. Es wird häufig als Beleg dafür angeführt, Rumi habe alle Religionen für gleichwertig gehalten oder sei über den Islam hinausgewachsen. Diese Lesart verkennt sowohl den literarischen Kontext als auch den geistigen Zustand, aus dem heraus gesprochen wird.
Sprache aus dem Zustand des Fana
Das Gedicht ist keine philosophische These. Es ist eine Beschreibung eines bestimmten geistigen Zustands: Fana, die Auslöschung des Ego in der Gegenwart des Göttlichen. In diesem Zustand lösen sich alle Kategorien auf, nicht weil sie unwichtig wären, sondern weil das Bewusstsein von etwas so überwältigt ist, das jenseits aller Kategorien liegt, dass die üblichen Unterscheidungen ihre Bedeutung vorübergehend verlieren.
Dschunaid al-Baghdadi beschrieb Fana als das Vergehen der niederen Eigenschaften des Ego. Was bleibt, ist nicht Nichts, sondern eine gereinigtes Bewusstsein, das sich selbst nicht mehr als Zentrum erlebt. Aus diesem Zustand heraus spricht Rumi. Das “Ich” des Gedichts ist nicht das alltägliche Ego. Es ist das, was übrig bleibt, wenn das alltägliche Ego schweigt.
Keine Position, sondern ein Zustand
Der Unterschied ist entscheidend. Eine philosophische Position lässt sich diskutieren und widerlegen. Ein geistiger Zustand wird bezeugt. Wenn Rumi sagt, er sei “nicht Christ und nicht Jude”, lehnt er diese Identitäten nicht ab und stellt sie nicht gleich. Er beschreibt einen Moment, in dem das Bewusstsein jenseits aller Zuordnungen steht, weil es ganz und gar in der Gegenwart des Einen aufgegangen ist.
Der letzte Vers macht dies deutlich: “Eines suche ich, Eines kenne ich, Eines sehe ich, Eines rufe ich an.” Das ist der Tauhid, das islamische Bekenntnis zur Einheit Gottes, in seiner erfahrungsmäßigen Tiefe. Nicht als Lehrsatz, sondern als gelebte Wirklichkeit.
Der ortlose Ort
“Mein Ort ist der Ortlose” verweist auf eine Erfahrung, die die sufische Tradition als Maqam (Station) und Hal (Zustand) beschreibt. Der Praktizierende erreicht Stationen, die sich jeder räumlichen und zeitlichen Einordnung entziehen. Diese Sprache findet sich auch bei Ibn Arabi, wenn er von der Barzakh spricht, dem Zwischenraum, der weder ganz dies noch ganz jenes ist.
Für Rumi ist dieser ortlose Ort kein abstraktes Konzept. Es ist die Erfahrung des Herzens, das sich für das Göttliche geöffnet hat und in dieser Öffnung alle gewohnten Koordinaten verliert, nicht als Verlust, sondern als Befreiung.
Was das Gedicht nicht sagt
Das Gedicht sagt nicht, dass religiöse Zugehörigkeit unwichtig ist. Es sagt nicht, dass alle Wege gleich sind. Es sagt nicht, dass der Islam aufgehoben ist. Es beschreibt die Erfahrung eines Menschen, der so tief in die Einheit Gottes eingetaucht ist, dass sein gewöhnliches Identitätsbewusstsein vorübergehend aufgelöst wurde. Rumi blieb sein Leben lang praktizierender Muslim, Lehrer der Scharia und Gründer eines Ordens mit strengen Regeln. Das Gedicht ist nicht sein Programm, sondern sein Zeugnis.
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Raşit Akgül. “Nicht Christ und nicht Jude.” sufiphilosophy.org, 31. März 2026. https://sufiphilosophy.org/de/gedichte/nicht-christ-noch-jude.html
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